Krisenbeobachtung

Der Euro im Faktencheck

 von Oeconomicus , 01.06.2012 03:00

Der Euro im Faktencheck

Schluss mit der hysterischen Debatte über den Euro: Wir blicken nüchtern ökonomisch auf die zentralen Thesen der Euro-Befürworter. Welche Argumente halten dem Realitätstest stand – und welche nicht?


Jetzt lautet die Frage: Kann und will sich Deutschland trotz der unbestreitbaren Vorteile des Euro die Gemeinschaftswährung auf Dauer leisten, wenn es im Gegenzug – der europäischen Idee zuliebe – für die Schuldenpolitik und den Reformunwillen anderer EU-Staaten geradestehen muss? Nach einer aktuellen Umfrage von Infratest dimap halten nur noch 47 Prozent der Bundesbürger die Euro-Einführung im Jahr 1999 für richtig – 49 Prozent sehen darin mittlerweile einen Fehler.

Brauchen wir den Euro wirklich? Lesen Sie auf den folgenden Seiten, welche von seinen Befürwortern angeführten Argumente sich noch halten lassen.

Der Euro im Faktencheck
These 1: Der Euro schützt uns vor Wechselkursschwankungen und kurbelt so die Exporte an
(WiWo-Fazit: These stimmt nur zum Teil)
These 2: Durch den Euro entfallen die Wechselkursrisiken und Umtauschkosten innerhalb Europas. Die Preistransparenz steigt
WiWO-Fazit: These stimmt voll und ganz
These 3: Der Euro verstärkt die Integration und Konvergenz in Europa
WiWo-Fazit: These stimmt kaum
These 4: Der Euro forciert die Bildung einer politischen Union
WiWo-Fazit: These stimmt nur zum Teil
These 5: Europa braucht den Euro, um im Konzert der großen Währungsblöcke zu bestehen
WiWo-Fazit: These stimmt überwiegend
These 6: Der Euro sorgt für stabile Preise
WiWo-Fazit: These stimmt nur zum Teil
These 7: Der Euro erzwingt politische Strukturreformen
WiWo-Fazit: These stimmt kaum
These 8: Es gibt zum Euro keine Alternative. Sein Scheitern würde eine Weltwirtschaftskrise auslösen
Glaubt man den meisten Ökonomen und Politikern, wäre das Auseinanderbrechen des Euro der GAU. Entsprechend apokalyptisch ist das Szenario, das sie für diesen Fall an die Wand malen: In den Euro-Krisenländern setzt ein Run auf die Banken ein, weil die Bürger versuchen, ihr Geld vor dem Umtausch in Drachme, Lira und Escudo zu retten.

Das Bankensystem bricht zusammen, die Finanzmärkte kollabieren, Handel und Wachstum kommen zum Erliegen, eine Klagewelle rollt über den Kontinent. Zudem machen Grenz- und Kapitalverkehrskontrollen die in Jahrzehnten erzielten Fortschritte der europäischen Integration binnen weniger Wochen zunichte. „Europas Wirtschaft würde in eine schwere Rezession stürzen und die Weltwirtschaft mit in den Abgrund reißen“, unkt Mark Cliffe, Chefökonom der niederländischen Bank ING. Seinen Berechnungen zufolge würde das Bruttoinlandsprodukt Europas beim Platzen des Euro bis 2014 um insgesamt 10 bis 13 Prozent schrumpfen – weitaus stärker als nach der Lehman-Pleite 2008.

Kein Spaziergang

Tatsächlich wäre der Abschied vom Euro kein Spaziergang und wirtschaftshistorisch allemal eine Zäsur. Doch er ist machbar. Vor dem Hintergrund der sich zuspitzenden Probleme in den Krisenländern grübeln immer mehr Ökonomen darüber, wie ein Ausstieg aus dem Euro erfolgen könnte, ohne die Wirtschaft ins Chaos zu stürzen.

Noch konzentrieren sich ihre Überlegungen auf den Euro-Exit Griechenlands. So schlägt Thomas Mayer, Chefökonom der Deutschen Bank, vor, staatliche Schuldscheine als Parallelwährung in Griechenland einzuführen. Doch die Probleme der Währungsunion sind mit einem Euro-Austritt der Griechen allein nicht mehr zu lösen. Zu groß sind die wirtschaftlichen Verwerfungen auch in Spanien, Portugal und Italien, als dass sie sich unter dem Dach einer gemeinsamen Währung mit gemeinsamer Geldpolitik lösen ließen.

Nordo und Südo?

Einige Ökonomen fordern deshalb, den Währungsraum in eine Nord- und Südunion mit jeweils eigenen Währungen zu teilen. Eine eng definierte Nordunion aus Deutschland, Finnland, Niederlande, Österreich und Luxemburg erfüllt weitgehend die Kriterien eines optimalen Währungsraums. Doch für die Länder der südlichen Peripherie gilt das nicht. Ihre Wirtschaftsstrukturen sind zu heterogen, der Handel untereinander zu gering, die Arbeitskräfte zu wenig mobil, als dass ein „Südo“ Bestand haben könnte.

Die Alternative und das Gesamtfazit der Wirtschafts Woche
[...]
Der Euro hat ökonomische und politische Vorteile. Sein Ende wäre eine Blamage, die zunächst weltweit Zweifel an der politischen Handlungsfähigkeit Europas wecken dürfte. Allerdings wären viele positive Entwicklungen auch ohne Euro eingetreten – umgekehrt wurden viele Hoffnungen, die man an den Euro knüpfte, enttäuscht. Zudem deutet alles darauf hin, dass Euro-Land zu einer Transferunion verkommt, in der sich reformresistente Schuldenstaaten durchfüttern lassen. Die Währungsunion birgt für Deutschland somit hohe Risiken.
Wahr ist: Es gibt keine Alternative zu Europa und zur Europäischen Union. Zum Euro schon.

Wirtschafts Woche - 29.05.2012
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